Großes Interesse an ONW-Podiumsdiskussion

Über 200 Besucher strömten am 19. Oktober ins Verdo in Hitzacker, um der spannenden Podiumsdiskussion zum Thema „Krebs kostet… Bald zu viel für uns alle!“ beizuwohnen.

Im Zentrum standen die seit Jahren steigenden Kosten für moderne Tumortherapien. 2016 gab es in Deutschland 6,3 Mio. Verordnungen für Onkologika im Wert von insgesamt 5,8 Mio. Euro. Dies entspricht 13,9 Prozent der Gesamtarzneimittelkosten. Besonders neue Medikamente, die auf den Markt strömen, sind sehr teuer.

Im Gegensatz zur klassischen Chemotherapie sollen die neuen Medikamente im Rahmen der modernen Tumortherapie zielgerichtet auf bestimmte Eigenschaften der Tumorzelle einwirken. Klingt erst einmal gut, doch auch moderne Tumortherapien sind keinesfalls nebenwirkungsfrei. Jährlich gibt es in Deutschland viele Neuzulassungen in diesem Bereich und damit auch viele Medikamente, an die Hoffnungen seitens der Ärzte und Patienten geknüpft sind. Professor Dr. med. Wolf-Dieter Ludwig (Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft u. Vertreter der europäischen Ärzteschaft im Management Board der EMA), kritisiert, dass es zu wenig pharmaunabhängige Studien zu diesen neuen Medikamenten gibt. Das Problem daran: Die Ärzte wissen oft selbst nicht, wie gut oder schlecht die neuen Medikamente wirklich wirken. Ludwig plädiert daher dafür, dass nach der Zulassung unbedingt unabhängige Studien durchgeführt werden, an deren Kosten sich auch die Krankenkassen beteiligen müssten. Ralf Rambach, Vorstand des Hauses der Krebs-Selbsthilfe und selbst vor Jahren an chronisch-lymphatischer Leukämie erkrankt, rät: „Patienten sollten keinem Arzt vertrauen, der sagt, dass ein Medikament hundertprozentig wirkt.“ Auch Professor Dr. med. Giovanni Maio vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg, sieht das so. Er wünscht sich, dass mehr Ärzte ihre Patienten in solch schwierigen Lebensphasen ehrlich begleiten. Bedeutet: Alle Möglichkeiten aufzeigen, aber keinesfalls Heilung versprechen.

Ralf Rambach sieht die medizinische Forschung als eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung an. Er kritisiert, dass die Pharmaindustrie die Preise für Medikamente in Deutschland völlig alleine und unkontrolliert festlegt, nach dem Motto „Was der Markt halt hergibt“. Gerwin Winter, General Manager von Celgene Deutschland, wiederspricht indes. Er betont, dass die Medikamentenentwicklung sehr teuer ist und für die Pharmafirmen ein hohes Risiko darstellt. Für ein einziges Medikament können in der Entwicklung bis zu einer Milliarde Euro an Kosten anfallen. Bis ein neues Medikament auf den Markt gelangt, bedeutet dies zehn Jahre Substanzentwicklung für die Industrie. Und: Nur fünf bis sechs Substanzen schaffen wirklich den Markteintritt. 5.000 Substanzen werden aktuell weltweit erforscht, wie Dr. Reingard Stuhlmann, erste Vorsitzende des ONW und Gastgeberin des Abends, darlegt.

Professor Maio bricht indes eine Lanze für die Pharmaindustrie. Seiner Meinung nach sollte die nicht als die Bösen dargestellt werden. Er schätzt es, dass die Industrie kostenmäßig so stark in Vorleistung geht und merkt an, dass wir uns als Gesellschaft nicht von der Pharmaindustrie abhängig machen sollten.

Professor Ludwig prangert ein Versagen seitens der Politik an. Er kritisiert das AMNOG, das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz, und fordert unbedingt mehr Transparenz. Die beschleunigte Zulassung sei seiner Meinung nach „absoluter Quatsch“.

Können wir uns teure moderne Tumortherapien also in Zukunft überhaupt noch leisten? Ralf Rambach plädiert dafür, dass mit dem vorhandenen Geld rationeller umgegangen wird. Neu zugelassene Medikamente sollten aus seiner Sicht alle gleich bewertet werden. Giovanni Maio merkt an: „Wenn wir Politiker haben, die weiterhin so tun, als wenn jeder Patient die Luxusversion bekommen könnte, dann ist das eine Lüge.“

Von Seiten der Politik wünschen sich alle Veränderung und mehr Verantwortung. Wolf-Dieter Ludwig sagt: „Die Politik wird langsam wach“, aber seiner Ansicht nach „zu spät“.